Ankaras Rüstungsambitionen

Die Türkei entwickelt sich gerade zum rüstungstechnischen Selbstversorger — mit Erfolg. Türkische Drohnen werden im Ausland gelobt. Statt von anderen abhängig zu sein, will Ankara sich selbst zum Rüstungsexporteur machen. Und mit militärischer Schlagkraft seinen Status als Regionalmacht ausbauen.

Statt auf Soft Power setzt die Türkei auf militärische Schlagkraft — am liebsten aus Eigenproduktion. Gewehre beziehen sie allerdings bislang noch aus Deutschland. (picture alliance / Anadolu / Evren Atalay )

„Israel Defense“ lobt türkische Drohnen

Auch in Libyen kommen türkische Drohnen zum Einsatz. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sie in das nordafrikanische Land geschickt, um die Einheitsregierung in Tripolis im Kampf gegen die Truppen des Rebellengenerals Khalifa Haftar zu unterstützen. Mit den Rüstungslieferungen an Libyen verstößt die Türkei nach Meinung von Kritikern zwar gegen das Waffenembargo der Vereinten Nationen.

USA wollten nicht liefern, Türkei baute selbst

Die Türkei habe bei der Herstellung der Drohnen große Fortschritte gemacht, betonte auch Erdogan im vergangenen Jahr in einer Rede vor Absolventen der türkischen Militärakademie: „Alle meine früheren Verhandlungen mit amerikanischen Präsidenten sind gescheitert. Sie wollten mir keine unbewaffneten Drohnen verkaufen — und Kampfdrohnen schon gar nicht. Aber wir haben aus der Not eine Tugend gemacht. Heute stellen wir unbewaffnete und bewaffnete Drohnen selbst her und werden die Qualität in den kommenden Monaten noch weiter steigern.“

„Aufhalten könnt ihr die Türkei niemals“

Erdogan berichtete vor einigen Monaten, dass er sich nach dem Nein der USA zur Lieferung von Drohnen an Israel gewandt habe, doch es gab so große Differenzen zwischen den beiden Staaten, dass die Türkei das Geschäft am Ende stornierte: „Weil wir im Kampf gegen den Terror die Drohnen brauchten, wandten wir uns zuerst an einen unserer Verbündeten. Doch da erhielten wir keinerlei Unterstützung. Also versuchten wir, bei einem Land in unserer Region die Drohnen zu kaufen. Doch es gab Probleme beim Betrieb und bei der Instandhaltung, die uns klarmachten, dass hier böser Wille im Spiel war.“

Abnehmer sind etwa Turkmenistan, Oman, Pakistan

Insbesondere in den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat die Türkei ihre Rüstungsindustrie systematisch ausgebaut. Ein aktueller Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri führt die Türkei auf Rang 14 der weltweit größten Rüstungsexporteure.

Entscheidender militärischer Vorteil gegen PKK

Verwandtschaftliche Beziehungen mögen geholfen haben. Wichtiger bei der Entwicklung war, dass sich die unbemannten Fluggeräte für Ankara militärisch auszahlten. Die Drohnen verschafften der türkischen Armee einen entscheidenden Vorteil im Konflikt mit der kurdischen Terrororganisation PKK, die seit 1984 gegen den türkischen Staat kämpft.

Neues geopolitisches Selbstbewusstsein

Im vergangenen Jahr erreichten die Waffenexporte ein Volumen von rund 2,75 Milliarden Dollar. Bis zum Jahr 2023, dem 100. Gründungsjubiläum der türkischen Republik, soll der Export auf mehr als zehn Milliarden Dollar im Jahr steigen, sagt Ali Cinar von der Turkish Heritage Organization in Washington: „Die Türkei will in der ersten Liga der Rüstungsbranche mitspielen und viele Rüstungsgüter weltweit verkaufen. Beispiele sind ein großes Hubschrauber-Geschäft der Türkei mit Pakistan und die Lieferung von Drohnen an die Armee der Ukraine. Das Ziel ist auch, mehr türkische Unternehmen auf der Liste der hundert weltweit größten Rüstungsunternehmen zu platzieren.“

Ziel, eine Regionalmacht zu werden

Dennoch: Eine Abwendung vom Westen sei nicht das Ziel der türkischen Außenpolitik, sagt Ali Cinar von der Turkish Heritage Organization in Washington: „Ich glaube nicht, dass die Türkei alle Brücken zum Westen abbrechen will. Die Türkei strebt nach wie vor die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an. Auch will die Türkei ein wichtiger Handelspartner Europas und besonders Deutschlands sein. Doch wegen ihrer geostrategisch bedeutsamen geographischen Lage in der Region muss die Türkei gleichzeitig auch mit dem Osten zusammenarbeiten. Deshalb arbeiten die türkischen Rüstungsfirmen daran, bis zum Jahr 2023 völlig unabhängig von ausländischen Anbietern zu werden. Ohne wirksame militärische Abschreckung kann die Türkei ihr Ziel, eine Regionalmacht zu werden, nicht erreichen.“

Hard Power statt Soft Power

Verteidigungsexperte Bekdil verweist darauf, dass sich die türkische Außenpolitik immer stärker auf militärische Macht verlässt, also auf „hard power“, im Gegensatz zur „soft power“, der Einflussnahme über Diplomatie, Wirtschaft oder Kultur. „Was die außenpolitischen Implikationen angeht, würde ich sagen, es geht nicht nur um Unabhängigkeit von Rüstungslieferanten in Ost und West. Ein weiteres Ziel der türkischen Außenpolitik ist der Einsatz wichtiger Waffensysteme als Instrument im Umgang mit anderen Staaten. Die letzten zehn Jahre haben eine Menge Beispiele dafür erbracht, dass die ‚hard power‘ ein untrennbarer Bestandteil der türkischen Außenpolitik geworden ist.“

„Drohnen sind kein militärisches Allheilmittel“

Diese Art von Problemen sind mit Waffen nicht zu lösen. Selbst im rein militärischen Bereich stellen die technologischen Erfolge türkischer Rüstungsingenieure für sich allein keine Erfolgsgarantie dar. Das wurde vor kurzem in Syrien deutlich, so die Drohnen-Expertin Ulrike Franke. In Syrien konnten die Drohnen zwar viele syrische Waffen zerstören: „Allerdings sind im Laufe der Gefechte auch einige türkische Drohnen abgeschossen worden. Also, offenbar stellen sich die Syrer auch auf die Drohnen ein.“

Foreign Policy Expert on U.S.-Turkey Relations, ME, Security, NATO, Transatlantic / Journalist / 2019 Ellis Island Medal of Honor Recipient www.alicinar.com

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store